Ein anderer Blick
ANgeDACHT für Februar 2026 von Pfarrerin Birgit Schlegel, stellvertretende Dekanin im Evangelischen Dekanat Dreieich-Rodgau
"Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute,
das der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat."
(Monatsspruch für Februar 2026 | 5. Mose 26,11)

„Ach, ich freue mich einfach auch an den kleinen Dingen, eine schöne Blüte im Frühling oder eine Tasse Kaffee, die ich in Ruhe trinken kann“, so klang sie letzte Woche am Telefon. Eine Freundin aus der Schulzeit, mit der ich mal wieder telefoniert hatte.
Leicht hat sie es nicht, ein schweres Jahr liegt hinter ihr, der Tod eines geliebten Menschen und Ansprüche aus ihrem Umfeld, die fordern und sie unter Druck setzen. Und doch versucht sie, sich auch oder vielleicht sogar in besonderem Maße an Kleinigkeiten zu freuen und von den Momenten, die ihr Ruhe geben und guttun, stärken zu lassen.
Ich gebe zu, das war mir erstmal zu wenig und dachte für mich, die Probleme müssen doch angegangen werden, Gespräche und Unterstützung wären jetzt gut. Aber dann überzeugten mich ihre Gedanken, dankbar sein zu können für das, was Freude schenkt und letztendlich Mut macht, den eigenen Weg weiterzugehen.
Ein Perspektivenwechsel. Für sie.
Und vielleicht auch für mich, die ich oft gebannt auf die ganzen Krisenherde in unserer Welt blicke. Manchmal bin ich erschöpft von der Fülle der Nachrichten, vor allem der vielen, vielen schlechten, ja, katastrophalen Nachrichten, die auf mich tagtäglich einstürzen.
Was soll ich, was können wir nur tun?
Sich zurückziehen, verschließen und Ohren zuhalten geht nicht.
Vielleicht erstmal eine andere Haltung finden? Eine, die nicht die Realität verdrängt, natürlich nicht, aber den Blick hebt und weitet, so dass man genauer hinsehen kann und auch die Schönheit wahrnimmt, die in unserer Welt neben all dem Schrecklichen existiert. Da gibt es doch einiges: die unglaubliche Vielfalt der Schöpfung, Kunst und Musik, die Menschen, die sich für andere einsetzen und Leben retten. Die Liebe, die sich als stärker erweist als Hass.
Es ist eine Haltung, in der Staunen, Freude und Dankbarkeit wachsen können.
„Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein Gott dir und deiner Familie gegeben hat“, heißt es in unserem Monatsspruch.
Verbunden ist dieser Ausruf in der hebräischen Bibel mit einer ausführlichen Erinnerung an die Geschichte Gottes mit den Vorfahren, den Vätern (und Müttern) der Israeliten, die er, als es ihnen schlecht ging, nach Ägypten brachte, um sie zu retten und das Überleben zu sichern.
Dort ging es ihnen zunächst gut, und sie wurden zu einem großen und starken Volk. Als sie dort aber unterdrückt wurden und nach Hilfe schrien, führte Gott sie aus der Unfreiheit dann in das Land, wo Milch und Honig fließen und gebot ihnen auch, von den Früchten zu geben und sie „niederzulegen vor dem Herrn“. Tatsächlich ist das ganze Kapitel in der Bibel auch ein Text für unseren Erntedanksonntag, nachzulesen in 5. Mose 26,1-11.
Es gibt also eine Vorgeschichte für die Dankbarkeit und das Sich-Freuen. Eine Geschichte, um sich zu erinnern und das Gute zu schätzen.
Und ich finde es auch bemerkenswert, dass die Familie, das „ganze Haus“, zu dem ja immer auch andere Menschen gehören, die Fremden im Land, Witwen und Waisen und die Leviten, die Gott dienen, ihren Anteil bekommen sollen.
Zum Sich-Freuen und Fröhlichsein über das, was man bekommt, was Gott schenkt, gehört für die Bibel auch ganz selbstverständlich das Abgeben und Teilen mit anderen.
Ist aber die Dankbarkeit für eigenes Glück und Wohlergehen nicht zu klein und beschränkt angesichts des großen Leids und der vielschichtigen Probleme ringsum? Nein, nicht wirklich, denn es öffnet mir doch auch die Augen und bringt mich ins Nachdenken.
Was zählt in meinem Leben? Was ist mir wichtig? Was brauche ich wirklich?
Was zum Leben notwendig ist! Und das ist weniger, als ich glaube.
Alles, was Freude schenkt,
Menschen, die füreinander da sind, eine Gemeinschaft,
Liebe, Freundschaft, Zuneigung, einen Sinn im Leben…
und eine Seele, die empfänglich ist für leise Stimmen, für die Nähe Gottes.
Hoffnung, die Gott etwas zutraut.
Den Mut, mit Gott und seinen Boten und Botinnen in unserer Welt zu rechnen.
Und Dankbarkeit. Ein dankbares Herz schützt vor negativen Gedanken, ohne es hart zu machen.
„Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein Gott dir und deiner Familie gegeben hat.“
Ein gutes Motto für den Februar.
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